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Sound-Variationen:
Vom "typischen Klang" zum "Sounddesign"


Frank Schätzlein



[Auszug aus der Druckfassung in: Medienwissenschaft. Mitteilungen der Gesellschaft für Medienwissenschaft (2003). H. 1. S. 4-11. Inzwischen liegt eine überarbeitete und erweiterte Fassung des Beitrags vor, sie erscheint in: Harro Segeberg und Frank Schätzlein (Hrsg.): Sound. Zur Technologie und Ästhetik des Akustischen in den Medien. Marburg: Schüren 2005 = Schriftenreihe der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Bd. 13 (im Druck). Ein Textauszug dieser neuen Fassung ist vorab als pdf-Dokument verfügbar.]

Inhalt:
1. Einleitung
2. Sound-Definitionen
3. Sound in der Wissenschaft
4. Sound und Hören in der Diskussion
5. Hören im Alltag - Hören des Alltags
6. Sound-Technik
7. Arbeitsfeld Sounddesign
8. Sounddesign bei Hörfunk und Fernsehen
9. Sound - eine Tagung
10. Anmerkungen
 

1. Einleitung

„D
as zweiteilige Fernsehspiel ‚Der letzte Kurier’ von Adolf Winkelmann [ist] das bilderträchtigste, spannungsgeladenste Werk - der einzige Grimme-Preis in Gold gilt ihm zu Recht. Wenn auch ein zusätzlicher Spezial-Preis für das ‚Sound Design’ von Dirk Jacob höchst überflüssig erscheint: Was bloß ist ‚Sound Design’?“[1] - so schreibt die Radio- und Fernsehkritikerin Mechthild Zschau noch im Jahr 1997. Die Produktionsebene Sounddesign und die Berufsbezeichnung Sounddesigner war immerhin bereits Ende der siebziger Jahre im (New) Hollywood-Kino entstanden.[2] Ausgehend von der Arbeit am Sound in der Rock- und Popmusik und später beim amerikanischen Kinofilm hat sich das Arbeitsfeld Sounddesign inzwischen auch in der Bundesrepublik auf die Rundfunkmedien Hörfunk und Fernsehen sowie auf die Gestaltung von Multimedia-Anwendungen, Internet-Angeboten und Computerspielen ausgedehnt.

Spätestens seit Anfang der 90er Jahre müssten auch den deutschen Kritikern auditiver oder audiovisueller Medienprodukte die Verfahren der klanglichen Gestaltung von Filmen, Musikproduktionen oder Hörfunk- und Fernsehsendungen bekannt sein, dazu gehört auch die Einführung neuer Aufgaben in der Tonbearbeitung und der damit verbundenen neuen Berufe im Bereich der Film- bzw. Medienproduktion. Denn mit der Etablierung des dualen Rundfunksystems in der zweiten Hälfte der 80er Jahre wurde es für die einzelnen Programmveranstalter - vor allem für viele private Radiosender, die das gleiche Format abdeckten - notwendig, sich von den anderen Sendern (akustisch) abzugrenzen: In dieser Zeit begann der gezielte Einsatz des Sounddesigns in den Bereichen Hörfunk, Fernsehen und Werbung; die Gestaltung der auditiven Ebene verschiedener Sendeformen und Programmelemente (Trailer, Jingle, Spot, Logo usw.) gewinnt seither immer stärker an Bedeutung.

Was aber meint eigentlich das Wort Sound? Die meisten Beiträge zum Thema vermeiden eine explizite Definition des Begriffs. Oft werden innerhalb eines Textes unterschiedliche Begriffsbestimmungen nebeneinander verwendet - ohne die Definitionsproblematik und das vorhandene Bedeutungsspektrum zu thematisieren. Es lassen sich zum einen historisch unterschiedliche Ansätze beschreiben, zum anderen haben sich in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen auch unterschiedliche Perspektiven auf das Thema Sound entwickelt.

2. Sound-Definitionen

Im deutschsprachigen Raum hat die Verwendung des Begriffs Sound ihren Ursprung in der Fachsprache des Jazz. Zunächst wurde damit (ausgehend vom Stil des „Swing“) der „typische Klang“ einer Band oder eines Solisten bezeichnet, im engeren Sinne die charakteristischen Klangeigenschaften des Arrangements, der Instrumentation und der Tonbildung: „Duke-Ellington-Sound“, „Count-Basie-Sound“ oder der „Four-Brothers-Sound“ der Tenorsaxophone in der Band Woody Hermans. Der individuelle Sound galt damit als musikalisches Ziel und Qualitätsmerkmal eines Musikers, eines Komponisten oder einer Band. Eine frühe Quelle für diese Verwendung des Begriffs ist „Das Jazzbuch“ von Joachim Ernst Berendt, der ihn in sein kurzes Glossar „Die Sprache des Jazz“ aufnimmt.[3]

Eine noch größere Bedeutung bekam der Sound seit den 60er Jahren in der Rock- und später in der Popmusik.[4] Durch die Möglichkeiten der neuen elektronischen Musikinstrumente, der tontechnischen Geräte und Verfahren im Studio steht nun der Sound im Zentrum der Musikproduktion und -rezeption. Die Bedeutung von Interpretation, Komposition und Notation rückt gegenüber der Technik in den Hintergrund, der durch den Umgang mit der Tonstudiotechnik erzeugte charakteristische Klang wird zum Markenzeichen. Es geht nicht mehr nur um den Sound des Musikers oder der Band, sondern auch um den des Produzenten und des Labels/Studios.[5] „Dabei bedeutet das Wort allerdings längst nicht mehr nur Klang oder - im akustischen wie psychologische Sinne - Klangfarbe. Sound meint die Totalität aller den Gesamteindruck der Musik bestimmender oder vermeintlich bestimmender Elemente [...].“[6]

1973 findet sich das Wort Sound zum ersten Mal im DUDEN und wird dort als „Klang(wirkung, -richtung)“ verstanden.[7] Seit den 70er Jahren bekommt das Phänomen Sound von mancher Seite jedoch auch eine kritische Bewertung als „relativ kurzlebige Tonbildungs- oder Instrumentationstricks“ und „Warenzeichen“[8], als fetischhaft verehrte[s] Markenzeichen“ und „wichtigste[s] Element der Werbemusik“[9] mit einer „Schlüsselfunktion in der kommerziellen Verbreitung“[10] - „ein Sound nutzt sich ab, und dann muss eine neuer her!“[11]

In den Wörterbüchern, Lexika und Enzyklopädien hält sich die Definition als „Klangfarbe“, „Klangqualität“ oder „charakteristischer Klang“ in der Jazz-, Rock und Popmusik bis heute. Dennoch hat sich die Bandbreite dessen, was heute als Sound verstanden wird, stark vergrößert: Er wird auch definiert als

- Schall allgemein (alles auditiv Wahrnehmbare),
- Tonebene der elektronischen Medien (z. B. die Gesamtheit aller Schallereignisse auf der Film-Tonspur),
- Geräusch oder Klangeffekt (Sounds als unidentifizierbare und nicht konkret benennbare Geräusche oder Schallereignisse),
- charakteristischer Klang eines Produkts (Sounddesign als akustisches Produktdesign, z. B. für Autos, Haushaltsgeräte, Telefone oder sogar Lebensmittel),
- charakteristischer Klang einer Marke oder eines Unternehmens (Corporate Sound als akustischer Teil des Corporate Design-Gesamtkonzepts, z. B. bei Rundfunksendern oder Großunternehmen),
- „Erläuterung technischer Verfahrensweisen“ der Musikproduktion (Röhren-Sound oder Moog-Sound),
- „Umschreibung musikalischer Grundstimmungen (softer, knackiger Sound)“,
- „Mittel der qualitativen Bewertung (origineller, abgestandener Sound).“[12]

3. Sound in der Wissenschaft

Nicht nur in der Umgangssprache ist die Zahl der Sound-Definitionen groß, auch in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachrichtungen, die sich mit dem Thema beschäftigen, findet sich eine Vielzahl von Beschreibungsansätzen. So wird Sound in musikwissenschaftlicher Forschungsliteratur traditionell als Klang bzw. Klangfarbe verstanden (der Klang als physikalisch-akustisches und psychologisches Phänomen), aber eben auch als Synonym für einen musikalischen Stil oder Stilelemente und als spezifischer Klang eines Musikers, einer Band, eines Labels, eines tontechnischen Geräts (z. B. Effekt-Gerät) u. ä. in der populären Musik (siehe oben). Die zentrale Bedeutung des Sounds für die Produktion und Rezeption von Rock- und Popmusik zeigt die Notwendigkeit einer Erweiterung des traditionellen Instrumentariums musikalischer Analyse um die Verfahren einer musikwissenschaftlichen Soundforschung.

In der Medienwissenschaft (hier vor allem Filmwissenschaft) bezeichnet die Vokabel Sound entweder a) die gesamte Tonebene eines Mediums mit den unterschiedlichsten Schallereignissen, b) den charakteristischen Klang der Produktionen eines Komponisten, Tonmeisters, Sounddesigners oder Regisseurs, c) den charakteristischen Klang bestimmter medientechnischer Geräte und Einrichtungen, d) die gezielte (künstlerische) Gestaltung des Akustischen in den Medien bzw. der Tonspur im Film (Sounddesign) oder e) einzelne nicht identifizierbare Klänge oder Geräusche (Sounds, Sound-Effects).

In den meisten Standardwerken zur Tontechnik kommt der Begriff Sound überraschenderweise gar nicht oder nur am Rande vor. Ebenso hat die Berufsbezeichnung des Sounddesigner noch keinen Eingang in die neueren deutschsprachigen Handbücher zur Tonstudiotechnik gefunden. Lediglich in den Tontechnik-Einführungen einzelner (amerikanischer) Sounddesigner werden Sound und Sounddesign thematisiert.[13]

Die Psychologie untersucht insbesondere die menschliche Wahrnehmung spezifischer (musikalischer) Sounds/Klangfarben (Psychoakustik) und die Auswirkungen des zeitgenössischen Soundscapes bzw. des Lärms auf den Menschen (Umweltpsychologie).

In den Ingenieurswissenschaften wird Sound in der Regel als spezifischer Klang eines Produkts/Geräts oder eines Raumes verstanden. Im Rahmen des Akustikdesigns soll der Sound hier beispielsweise die Benutzung eines Geräts vereinfachen und unterstützen, zum Kauf bzw. Gebrauch eines Industrieprodukts/Geräts anregen, die akustischen Eigenschaften eines Raums verbessern oder das Wohlbefinden beim Verweilen in einem Raum erhöhen.

[...]

9. Sound - eine Tagung

In vielen Bereichen der elektronische Medien (Produktion, Moderation, Trailer, Werbung, einzelne Sendungen und Beiträge, Programmverbindungen und Corporate Sound des Gesamtprogramms, Audioelemente von Software und Online-Angeboten) gehört das Sounddesign zu den zentralen Aspekten der Technik und Dramaturgie - die medienwissenschaftliche Forschung sollte sich deshalb auch mit der tontechnischen, akustischen und klangästhetischen Seite der Medien auseinandersetzen. Das gilt ebenso für das Arbeitsfeld der Medienpädagogik, denn auch die auditive Medienrezeptionskompetenz junger Zuschauer/Zuhörer kann verbessert werden: „Die Förderung einer ‘Hörkultur’ (im Sinne von kompetenter Nutzung) ist daher ebenso notwendig wie die Förderung von Lesekultur bzw. allgemeiner Medienkultur.“[14]

Wie dieser Beitrag zeigen sollte, ist die Variationsbreite der Definition und Anwendung des Sound-Begriffs groß. Das medienübergreifende Konzept der diesjährigen Tagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft setzt zunächst bei einem weiten Verständnis von Sound als der akustische Ebene unterschiedlicher Medien (Film, Fernsehen, Hörfunk, Tonträger und Computer/Internet) an. Mit dem Vorträgen werden dann in den einzelnen Sektionen Ausflüge in Richtung ganz unterschiedlicher Sound-Konzeptionen unternommen: Sound-Techniken wie Schnitt, Montage, Sampling, Blende und Mischung; Sound-Konservierung und -Archivierung auf Tonträger; Verfahren der Sound-Analyse; Erforschung historischer Sounds; Sound-Gestaltung und -Funktionen in verschiedenen Medien; Sound als Musik/Sound und Musik. Ein weites Feld für zukünftige medienwissenschaftliche Forschung.


10. Anmerkungen

[1] Mechthild Zschau: Tief versunken in der Unterhaltung. Grimme-Preisträger für 1996 benannt. In: Berliner Zeitung (14.03.1997).

[2] Vgl. Barbara Flückiger: Sound Design. Die virtuelle Klangwelt des Films. Marburg 2001. S. 13 ff.

[3] Joachim Ernst Berendt: Das Jazzbuch. Entwicklung und Bedeutung der Jazzmusik. Frankfurt am Main 1953. S. 210, vgl. auch S. 193. In der Neubearbeitung dieser Publikation (unter dem Titel Das neue Jazzbuch. Entwicklung und Bedeutung der Jazzmusik. Frankfurt am Main 1959) gehört der "Sound" zu den zentralen Begriffen und wird mit dem Wort "Klangbildung" übersetzt.

[4] Im Bereich der elektronischen und elektroakustischen Musik beginnt die Auseinandersetzung mit der Sound-Gestaltung bereits in der 50er Jahren.

[5] Vgl. Helmut Rösing: Klangfarbe und Sound in der 'westlichen' Musik. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): MGG. Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil. Band 5: Kas-Mein. 2, neubearb. Ausg. Kassel/Stuttgart 1996. S. 156-159, hier: S. 158.

[6] Wolfgang Sandner: Sound & Equipment. In: Rockmusik. Aspekte zur Geschichte, Ästhetik, Produktion. Hrsg. von Wolfgang Sandner. Mainz 1977. S. 81-99, hier: S. 83.

[7] DUDEN Rechtschreibung. 17., neubearb. und erw. Aufl. Mannheim 1973, S. 639.

[8] Meyers Neues Lexikon. Bd. 12. 2. völlig neu erarb. Aufl. Leipzig 1975, S. 631.

[9] Brockhaus Riemann Musiklexikon. Bd. 4. 2. überarb. und erw. Aufl. Mainz/München 1995. S. 176.

[10] Das neue Lexikon der Musik. Bd. 4. Stuttgart 1996.

[11] Das große Lexikon der Unterhaltungsmusik. Berlin 2000, S. 498.

[12] Die letzten drei Punkte sind dem Beitrag von Helmut Rösing: Klangfarbe und Sound in der 'westlichen' Musik entnommen, a. a. O. S. 158.

[13] Vgl. Tomlinson Holman: Sound for Film and Television. Boston 1997. S. 172 ff.

[14] Uli Gleich: Hörfunkforschung in der Bundesrepublik. Methodischer Überblick, Defizite und Perspektiven. In: Media Perspektiven (1995). H. 2. S. 554-561, hier: S. 560.


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Textfassung vom 04.07.2003, online seit 25.07.2003, © Frank Schätzlein
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