|
Home > Texte >
Digitalisierung des Hörfunks
Von der automatischen Senderegie
zum Computer Integrated Radio
Entwicklung und Perspektiven der Digitalisierung des Hörfunks
Frank Schätzlein
[Vortrag vom 5.10.2001, der vollständige Beitrag ist erschienen in: Die
Medien und ihre Technik. Theorien - Modelle - Geschichte. Hrsg. von Harro
Segeberg. Marburg: Schüren 2004 (= Schriftenreihe der Gesellschaft für
Medienwissenschaft. Bd. 11). S. 398-415.]
Inhalt:
1. Einleitung
2. Forschung
3. Entwicklungsphasen der Produktionstechnik im Hörfunk
4. Computer und digitale Technik in der Hörfunkproduktion
5. Digitaler Hörfunk als „audiovisuelles Medium“?
6. Folgen der Digitalisierung für Programme und Sendungen
7. Ausblick: Gibt es eine digitale Radioästhetik?
8. Anmerkungen
Die
Nutzbarmachung der elektronischen Datenverarbeitung [...] wird mit
Sicherheit Veränderungen in allen Bereichen des Hörfunksbetriebes
bewirken. [...] Nur sehr wenige Menschen in den Funkhäusern konnten das
Ausmaß der technischen Evolution ahnen, die mit der Aufstellung solcher
Maschinen unwiderruflich begonnen hatte; eine Evolution, in deren Verlauf
sich die gesamte Struktur des Rundfunks wie natürlich auch des Fernsehens
von Grund auf ändern dürfte. [...] Die Zukunftsmusik, die mancher aus
solchen Feststellungen herauszuhören glaubt, ist in Wahrheit die Melodie
vom vergangenen Jahr.[1]
Als der Hörfunkdramaturg und -regisseur
Horst Loebe 1972 diese Zeilen schrieb, waren seit den ersten
Konstruktionsarbeiten für die automatisierten Sendestudios der Deutschen
Welle und des Norddeutschen Rundfunks fast zehn Jahre vergangen. Von
Öffentlichkeit und Wissenschaft nahezu unbeobachtet wurde die
rechnergestützte Produktionstechnik bereits in den sechziger Jahren
eingeführt und breitete sich in den siebziger und achtziger Jahren im
Hörfunkbetrieb weiter aus. Erst mit der Einführung von Audio-Workstations in
den Hörfunkstudios, mit dem Desaster des Digitalen Satellitenradios (DSR)
und durch die Debatte über die Einführung der terrestrischen Sendetechnik
Digital Audio Broadcasting (DAB) [2] wurden die
Fortschritte der Radiotechnik öffentlich zur Kenntnis genommen.
Die technische Entwicklung des Hörfunks kann als Fallbeispiel für die
Einführung, Verbreitung und die offenen Perspektiven digitaler Technik
innerhalb eines Mediums dienen. Der Hörfunk ist heute einerseits bereits ein
digitales, andererseits weiterhin ein analoges Medium. So ist der Bereich
der Produktion und Senderegie bei fast allen öffentlich-rechtlichen und
privaten Sendern vollständig auf Digitaltechnik umgestellt. Ein Blick auf
die Seite der Distribution zeigt hingegen – trotz Internet-Radio und
Einführung des Regelbetriebs der Digitalradio-Technologie DAB in einigen
Bundesländern – eine nach wie vor nahezu vollständig analoge Sendetechnik.
Die Marketing-Abteilungen der für die Durchsetzung des Digitalradios
kämpfenden Firmen und Institutionen versuchen zur Zeit mit einer im Mai 2001
gestarteten Kampagne – wahrscheinlich zum letzten Mal – die Hörer von den
Vorteilen des UKW-Nachfolgers zu überzeugen. Bisher zeigen die Radionutzer
jedoch kaum Interesse an der neuen Technologie und den neuen DAB- bzw.
Mehrnorm-Empfangsgeräten. So bleibt es sehr zweifelhaft, ob die UKW-Sender
tatsächlich wie geplant ab 2010 abgeschaltet werden.
Gegenstand dieses Beitrags ist nicht nur die zur Zeit so stark umstrittene
digitale Sendetechnik (DAB und Datendienste), sondern auch der seit Ende der
sechziger Jahre stetig voranschreitende Ausbau der Computertechnik in der
Hörfunkproduktion. Der Begriff Digitalisierung wird in diesem Sinne
definiert als die Einführung von Computern bzw. Prozessrechnern, digitaler
Gerätetechnik und digitalen Tonträgern auf der Ebene der Sendeabwicklung und
Produktion sowie als Übergang von der analogen zur digitalen
Signalverarbeitung im Bereich der Hörfunktechnik. Die Ausbreitung der
Computer im Hörfunkbetrieb verlief vom Einsatz elektronischer
Datenverarbeitung in der Verwaltung und Sendeabwicklung über die Verwendung
einzelner digitaler Studiogeräte und die Einrichtung „digitaler Inseln“ bis
zur vollständigen Digitalisierung der technischen Arbeitsabläufe im modernen
Funkhaus. Die Geschichte der Regie- und Produktionstechnik lässt sich in
einzelne, relativ deutlich voneinander abgrenzbare Entwicklungsphasen
gliedern, wobei der Computertechnik nicht erst seit Ende der achtziger
Jahre/Anfang der neunziger Jahre eine verstärkte Bedeutung für die
Radioarbeit zukommt. In diesem Beitrag werden darüber hinaus die
Wechselbeziehungen zwischen der Produktionstechnik, Produktionsarbeit,
Sendetechnik, Rezeption und Dramaturgie des Hörfunks thematisiert: Es stellt
sich die Frage, ob das digitale Radio durch seine neuen Möglichkeiten in der
Produktion und Distribution zu einem „audiovisuellen Medium“ wird und ob
sich durch die Digitalisierung der Produktionsabläufe auch die
Programmdramaturgie und die Medienästhetik der (künstlerischen) Sendeformen
des Hörfunks verändert oder verändern kann.
Forschung
Bis heute finden sich nur sehr wenige
medienwissenschaftliche Forschungsarbeiten zur digitalen Radioproduktion und
zum Einfluss digitaler Audiotechnik auf die (künstlerischen) Sendeformen des
Radios. Ihre Perspektive ist meist auf rein technische Fragestellungen
beschränkt oder es fehlt eine Diskussion des Zusammenhangs von Radiotechnik
und Radioästhetik. Damit erübrigt sich auch die Frage nach der
wissenschaftlichen Methodik solcher Hörfunkforschung. Es gibt auf diesem
Gebiet bisher keine greifbare Methodik und auch kaum methodische
Diskussionen, wie wir sie beispielsweise aus der Filmgeschichtsschreibung
oder der Film- und Fernsehanalyse kennen. Die medienwissenschaftliche
Auseinandersetzung mit der Digitalisierung der Hörfunkproduktion und
Sendeabwicklung hat noch gar nicht begonnen. Anders ist es im Bereich der
digitalen Sendetechnik: So wird beispielsweise zum Thema DAB deutlich mehr
publiziert (z. B. in den Schriftenreihen einzelner Landesmedienanstalten),
was in diesem Fall auf die evidente ökonomische und medienpolitische
Bedeutung der neuen Übertragungsverfahren zurückzuführen ist.
Die Auswirkungen des Wechsels von der analogen zur digitalen
Produktionstechnik auf die Programmgestaltung des Radios und auf die
künstlerische Arbeit im Bereich der Audiomedien – vor allem im Radio und in
der Audiokunst – sind demgegenüber von der Medienwissenschaft bis heute kaum
erforscht. Ein Blick auf die audio-visuellen Medien zeigt ein anderes Bild:
Die Technik und Programmstruktur des digitalen Fernsehens und die Ästhetik
der digitalen Film- und Fernsehproduktion sind bereits seit längerem
selbstverständlicher Gegenstand medienwissenschaftlicher Arbeiten. Die
Mehrzahl der uns heute vorliegenden Untersuchungen zum Bereich des Hörfunks
gehören in das Feld der Auftragsforschung für die Landesmedienanstalten oder
die Rundfunkanstalten selbst. Dabei geht es in der Regel um juristische,
ökonomische und medienpolitische Aspekte oder um Fragen der Rezeption und
Akzeptanz neuer Sender, Sendetechniken und neuer Programmformen durch die
Radiohörer. Einige der wenigen heute vorliegenden Veröffentlichungen zum
Übergang von der analogen zur digitalen Hörfunkarbeit wurden von
Radiomitarbeitern selbst geschrieben – aus der Praxis für die Praxis. Eine
kontinuierliche medienwissenschaftliche Analyse des Wandels der Radiopraxis,
des Radioprogramms und der Radioästhetik bzw. der Ästhetik radiophoner oder
elektroakustischer Kunstformen gibt es nicht.
Bei der Durchsicht einiger Grundlagenbücher zur Medienforschung zeigt sich,
dass das Kapitel Hörfunktechnik in der Regel fast vollständig auf den
Bereich der Sendetechnik und Übertragungsverfahren reduziert wird. Die
Themenbereiche solcher Publikationen sind somit der analoge terrestrische
Rundfunk, der Satelliten- (DSR, ADR) und Kabelrundfunk, die DAB-Technologie,
das Digital Video Broadcasting (DVB) und die Übertragung via Internet.[3] In anderen Veröffentlichungen wiederum wird zwar die
Fernsehtechnik ausführlich dargestellt, die Technologie des Hörrundfunks
bleibt hingegen unerwähnt [4], oder die Entwicklung
verschiedener Hörfunk-Übertragungstechniken wird ausführlich erläutert, die
Kapitel über die Studiotechnik bleiben jedoch auf Ausführungen zur
Einführung von Magnetbandtechnik und Stereophonie beschränkt.
[5]
Vorbildlich ist die Verknüpfung der Gebiete Studiotechnik und
Programmgestaltung dagegen in dem vom Deutschen Rundfunkarchiv (DRA)
durchgeführten Projekt zur Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer
Republik gelungen. Der Titel des entsprechenden Aufsatzes von Ludwig
Stoffels, „Kunst und Technik“, weist auf die Integration von Technik- und
Programmgeschichte hin.[6] Zusätzlich wird die
Publikation des DRA durch elf Kurzaufsätze Karl Christian Führers zu
Mikrofontechnik, Aufzeichnungsverfahren, Aufnahmestudios und anderen
Aspekten der Technikgeschichte des Hörfunks bereichert.[7]
Diese Art der Darstellung sollte auch für zukünftige Untersuchungen zu
Hörfunktechnik und Hörfunkprogramm nach 1945 genutzt werden. Auch die von
Joachim-Felix Leonhard und anderen im Rahmen des Großprojekts der Handbücher
zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft herausgegebenen Bände zur
Medienwissenschaft enthalten neben zahlreichen Aufsätzen zur Geschichte,
Ästhetik, Rezeption und Analyse der Medien Zeitung/Zeitschrift, Film,
Hörfunk, Fernsehen und Internet/Online-Dienst auch einzelne Artikel zur
Medientechnik.[8] Für 2002 ist der dritte Teilband
dieser Reihe angekündigt, der auch einen Beitrag von Gerhard Steinke über
„Produktions- und Speichertechnologien im Hörfunk“ enthalten wird.[9]
Ergänzende Ausführungen zur rechnergesteuerten Automatisierung der
Senderegie liegen meines Wissens bisher lediglich in einer einzigen
Abhandlung zur Programmgeschichte des Hörfunks vor.[10]
Sie sind in diesem Fall auf die Entwicklung beim Norddeutschen Rundfunk und
eine Beschreibung des dort eingesetzten so genannten ASMOS-Systems
beschränkt. Musikwissenschaftliche Studien liefern dagegen inzwischen nicht
nur Forschungsergebnisse zum Einfluss der digitalen Produktions- und
Distributionstechnik auf die Produktion, künstlerische Gestaltung und
Rezeption von Musik, sondern auch zu den Auswirkungen der softwaregestützten
Programmplanung auf die Musikdramaturgie des Hörfunks in der Gegenwart.[11]
Einen guten Einblick in die schrittweise Verbreitung der Digitaltechnik in
der Radioproduktion – zumindest beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk –
bieten die Aufsätze in den Rundfunktechnischen Mitteilungen des Instituts
für Rundfunktechnik (das IRT ist eine Forschungs- und Entwicklungsanstalt
von ARD, ZDF, DLR, ORF und SRG/SSR), die Technischen Mitteilungen des
Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamts (RFZ) sowie die Chroniken und
Berichte im ARD-Jahrbuch. Für den privatrechtlichen Hörfunk existiert mit
dem Hörfunk-Jahrbuch erst seit 1994 ein entsprechendes Handbuch, das auch
Beiträge zum Stand der Hörfunktechnik beinhaltet.
[...]
Anmerkungen
[1] Horst Loebe:
Die technisch-administrative Abhängigkeit des publizistischen Aktion im
Medium Rundfunk. In: Rundfunk und Fernsehen, 20. Jg. (1972), H. 1, S.
31-40, hier: S. 35 f.
[2] Zur Problematik
der digitalen Sendetechnik siehe Hans J. Kleinsteuber: Digital Audio
Broadcasting (DAB) - Euphorien und Probleme bei der Digitalisierung des
Radios. In: Andreas Stuhlmann (Hg.): Radio-Kultur und Hör-Kunst.
Zwischen Avantgarde und Popularkultur 1923-2001. Würzburg 2001, S. 318-335.
[3] So z. B. bei
Ulrich Reimers: Rundfunkpolitik und Technik. In: Dietrich Schwarzkopf
(Hg.): Rundfunkpolitik in Deutschland. Wettbewerb und Öffentlichkeit.
München 1999, Bd. 1, S. 550-613; Hans Bausch: Rundfunkpolitik nach 1945.
München 1980 (= Rundfunk in Deutschland. Bd. 3 und 4, Hg. von Hans Bausch);
Günter Gehring: Rundfunk - ohne Technik geht es nicht. In: ARD und
ZDF (Hg.): Was Sie über Rundfunk wissen sollten. Materialien zum Verständnis
eines Mediums. Berlin 1997, S. 283-309; Rolf Platho: Fernsehen und
Hörfunk transparent. Recht - Wirtschaft - Programm - Technik. München
1999, S. 58-68. In einzelnen Publikationen zur Mediengeschichte und
Medienforschung fehlt der Bereich Medientechnik vollständig, z. B. bei
Jürgen Wilke (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Köln 1999.
[4] Vgl. Heiko
Flottau: Hörfunk und Fernsehen heute. München 21978.
[5] Vgl.
Heinz-Werner Stuiber: Rundfunk. Teil 1. Konstanz 1998 (= Medien in
Deutschland. Bd. 2), S. 45-132.
[6] Siehe dazu
Ludwig Stoffels: Kunst und Technik. In: Joachim-Felix Leonhard (Hg.):
Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik. Bd. 2. München
1997, S. 682-724.
[7] Siehe ebd. u. a.
S. 696-697, 710-711, 740-741, 784-785.
[8] Vgl.
Joachim-Felix Leonhard u. a. (Hg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur
Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Berlin 1999 ff. (= HSK.
Bd. 15.1 ff.).
[9] Gerhard Steinke:
Produktions- und Speichertechnologien im Hörfunk. In: Joachim-Felix
Leonhard u. a. (Hg.): Medienwissenschaft. 3. Teilband. Berlin 2002 (= HSK.
Bd. 15.3). Dieser Aufsatz konnte nicht mehr berücksichtigt werden, da der
Band erst nach Redaktionsschluss erscheinen wird.
[10] Vgl. Rolf
Geserick: Vom NWDR zum NDR. Der Hörfunk und seine Programme 1948-1980.
In: Wolfram Köhler (Hg.): Der NDR. Zwischen Programm und Politik. Beiträge
zur seiner Geschichte. Hannover 1991, S. 149-226, hier: S. 220-222.
[11] Vgl. Helmut
Rösing: Digitale Medien und Musik: Zwölf Thesen. In: Bernd Enders und
Joachim Stange-Elbe (Hg.): Musik im virtuellen Raum. KlangArt-Kongreß 1997.
Osnabrück 2000, S. 13-23; Thomas Münch: 24 Stunden in 3 Minuten?
Computergestützte Musikplanung im Radio der 90er Jahre. In: Bernd Enders
und Niels Knolle (Hg.): KlangArt-Kongreß 1995. Osnabrück 1998, S. 399-414.
[...]
Home >
Texte > Digitalisierung des Hörfunks
Textfassung vom
12.10.2001 (2), online seit 22.06.2003, © 2001-2003, Frank Schätzlein
URL:
http://www.frank-schaetzlein.de/texte/digitalesradio_gfm2001.htm |